"Die Bakterie bewegt sich nicht nur deshalb durch ihr Umfeld, weil die Anwesenheit von Zucker einen bakterienförmigen Atomhaufen dazu bringt, sich in Richtung der größten Zuckerkonzentration zu begeben. Das Zusammenspiel zwischen Bakterie und Umfeld funktioniert anders. Die Bakterie braucht Zucker zum Leben, hat sich an ihre Umgebung angepasst, und deshalb wird sie von der Zuckerkonzentration angezogen. Die Bakterie ist nicht nur ein Prozess, sondern ein Handlungsträger, wenn auch ein sehr einfacher. Sie hat Interessen: Sie will und braucht Zucker. Natürlich ist die Bazille nicht schlau; davon ist sie weit entfernt. Sie versteht ihre eigenen Beweggründe nicht, von einem Verstand kann keine Rede sein, und auch den Ausdruck ihrer Bedürfnisse vermag sie kaum zu kontrollieren. Aber das sind technische Feinheiten. Fakt ist, dass die Biologie sich der Bakterie als einem Organismus, einem Lebewesen nur nähern kann, wenn sie die Bakterie als eigenständigen, von Interessen und Bedürfnissen geleiteten Handlungsträger anerkennt. Die Bakterie ist ein Subjekt in einer Umgebung, ein Organismus in einer Welt. Entscheidend ist, dass dieses Wesen eine Welt hat, das heißt, dass es zu seiner Umgebung in einer Beziehung steht."

Noë 2010, S. 57.

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