Angeblich eines der wichtigsten Argumente gegen den Physikalismus/Naturalismus/Materialismus (vgl. Was ist das Körper-Geist Problem?) ist das Zombie-Argument von David Chalmers (Lenzen: Zombie-Problem als zentrales Problem). Es findet sich sogar im Buch "Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente" (Bruce 2012, S. 328-330). Wie sich aber leicht zeigen lässt, ist das Argument auf triviale Art und Weise falsch. Auf der englischsprachigen Seite von Wikipedia wird das Argument wie folgt zusammengefasst (Übersetzung durch MR, Original hier):

"1. Gemäss dem Physikalismus ist alles, was in unserer Welt existiert (inklusive Bewusstsein) physisch/physikalisch.

2. Daraus folgt, dass wenn der Physikalismus wahr ist eine metaphysisch mögliche Welt, die in allen physisch/physikalischen Tatsachen identisch ist mit unserer Welt all dies enthalten muss, was in unserer Welt existiert. Insbesondere muss auch bewusste Wahrnehmung in einer solchen möglichen Welt existieren.

3. Tatsächlich können wir uns aber eine Welt vorstellen, welche physisch/physikalisch ununterscheidbar ist von unserer Welt, in welcher es aber kein Bewusstsein gibt (eine Zombie-Welt). Daraus folgt (gemäss Chalmers), dass eine solche Welt metaphysisch möglich ist.

4. Daraus lässt sich schliessen, dass der Physikalismus falsch ist. (Der Schluss folgt von 2. und 3. mittels modus tollens)"

Vorstellbarkeit

Bereits das Argument, dass Vorstellbarkeit ein zwingendes Argument dafür ist, dass etwas "metaphysisch" existieren kann (Prämisse 3) ist äusserst problematisch, wie auch der Wikipedia-Autor mit dem Einschub "gemäss Chalmers" ("so Chalmers argues") antönt (Bunge: Denkbarkeit). So ist zwar ein Escherscher Wasserfall vorstell- und sogar darstellbar, das bedeutet aber nicht, dass es irgendeine Welt geben muss, wo ein solcher Wasserfall auch empirisch möglich ist. Ein solcher Wasserfall ist aber ausgeschlossen in einer Welt, welche den Gesetzen "unserer" Welt gehorcht oder von dieser physisch "ununterscheidbar" ist. Wird der Energieerhaltungssatz als Naturgesetz (implizit) vorausgesetzt, kann ein Escherscher Wasserfall nicht real existieren (Tricks einmal ausgeschlossen). Die metaphysische Möglichkeit hängt also auch davon ab, welche Prämissen vorausgesetzt werden.

Ein Grundgesetz unserer Welt lautet (mit allergrösster Wahrscheinlichkeit), dass Perpetua mobilia unmöglich sind. Stimmt dies, dann können in einer identischen Welt selbstverständlich auch keine Escherschen Wasserfälle existieren, obwohl wir uns solche Wasserfälle - wie die Existenz des Escherschen Bildes oder sogar des Videos beweist - selbst in einer Welt vorstellen und sogar darstellen können, wo Perpetua mobilia und damit Eschersche Wasserfälle unmöglich sind (vgl. auch Schröder: Möglichkeitsargument ist falsch).

Widersprüchliche Prämissen

Fehler in logischen Argumenten wie jenem von Chalmers bestehen meist wie im Beispiel mit dem Wasserfall darin, dass gewisse Prämissen implizit vorausgesetzt, aber nicht explizit erwähnt werden. Erstaunlich bei Chalmers Argument ist allerdings, dass es nicht nur implizit, sondern sogar explizit sich widersprechende Prämissen enthält. Damit Chalmers Argument funktioniert, muss Chalmers annehmen, dass der Physikalismus wahr ist (Prämisse 2). Setzt man aber voraus, dass der Physikalismus wahr ist, dann ist eine Zombie-Welt wie sie Chalmers beschreibt sowohl empirisch wie auch metaphysisch unmöglich: ist Bewusstsein physisch (Prämisse 1), dann enthält eine identische Kopie alles Physischen notwendigerweise auch Bewusstsein. Eine "Zombie-Welt" ist unmöglich, wenn der Physikalismus wahr ist, Chalmers Zombies sind in einem Physikalismus nicht widerspruchsfrei vorstellbar. Vielmehr setzt Chalmers Zombie-Beispiel implizit voraus, dass der Physikalismus falsch ist - zugleich aber auch, dass er wahr ist (Searle: Argument gegen Zombie-Argument). Chalmers Argument enthält also sich widersprechende Prämissen.

Dass das Argument trivialerweise falsch ist, lässt sich besonders schön zeigen, wenn man umgekehrt argumentiert. Setzt man voraus, dass Bewusstsein etwas Nichtphysisches ist (was Chalmers in Prämisse 3 implizit tut, da sonst die Zombie-Welt keinen Sinn ergäbe), setzt man voraus, dass der Physikalismus falsch ist. Setzt man aber voraus, dass der Physikalismus falsch ist, dann sollte man nicht erstaunt sein, wenn das Resultat des Arguments lautet - dass der Physikalismus falsch ist. Setzt man zudem in einem logischen Argument in der ersten Prämisse voraus, dass Bewusstsein physisch ist, in Prämisse drei dann aber, dass Bewusstsein nichtphysisch ist, dann kann die Schlussfolgerung unmöglich wahr sein.

Fazit

Setzt man die Schwerkraft oder den zweiten Satz der Thermodynamik voraus, dann ist ein Escherscher Wasserfall zwar vielleicht vorstellbar (da Vorstellungen nicht der Schwerkraft unterliegen, wie Träume besonders schön zeigen), aber definitiv empirisch unmöglich. Setzt man den Physikalismus voraus, dann ist eine Zombie-Welt offensichtlich vorstellbar, da sonst Chalmers sein Argument nicht hätte vorbringen können. Eine Zombie-Welt ist in einem Physikalismus aber sogar möglich - allerdings unter der Voraussetzung, dass die Zombies nicht physisch identisch sind zu bewussten Menschen, sondern beispielsweise über andere Gehirne verfügen. Chalmers Argument jedenfalls stellt für den Physikalismus keine Bedrohung dar, da das Argument fehlerhaft ist.

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