Thilo Bock trinkt, liest und singt mit Leidenschaft. Sein Ziel ist es dereinst in allen Kneipen Berlins zumindest getrunken und als Autor von Kurztexten vorgelesen zu haben. Bock ist Berliner Patriot und Dadaist, wie sein Video „sei laut, sei im Weg, sei nicht von hier!“ zeigt, er ist gern gesehener Gast am LSD im Schokoladen, regelmässig Dichter als Goethe und Teilzeitinsasse einer Heil- und Pflegeanstalt für Autorennachwuchs in Wewelsfleth. In seiner Freizeit beschäftigt er sich gerne mit Lebensmitteln. Thilo Bock hat keinen Hund.  

Oder anders. Thilo Bocks Figuren hängen gerne in Berliner Parks ab, trinken Bier, reden über Sex und die Welt und hören Musik. Bocks Erstling "Die geladene Knarre von Andreas Baader" ist ein Portrait der Generation Praktikum, die etwas verändern möchte, aber vor allem Angst hat vor der Zukunft. Wäre da nicht die geladene Knarre von Andreas Baader, die vielleicht auch nicht von Andreas Baader ist. Und die verwendet werden soll, um endlich die Revolution zu starten gegen die Diktatur der rotgrünen Regierung und den drohenden Merkelismus. Gegen das Grill- und Alkoholverbot im Freien und überhaupt. Doch so sehr sich die Protagonisten die Revolte wünschen, am Ende siegen doch die Liebe und die Trägheit und Gerhard Schröder bleibt am Leben. Dafür gibt es womöglich ein anderes Opfer.

Oder anders. Das Märkische Viertel ist eine Trabantenstadt im Nordwesten Berlins. Trotz seiner 50’000 Einwohner hat es keinen direkten U-Bahn Anschluss. Dies ist gemäss Bock kein Zufall. Denn tief unten im Berliner Untergrund soll nicht nur die Senatsreserve schlummern, sondern auch ein grosses Geheimnis. Ein Geheimnis, das den Protagonisten von Bocks zweitem Roman in die Untiefen der Berliner Unterwelt und ins trübste Rotlichtmilieu führt. 

Se|na̲ts|re|se̲r|ve, die; -, -n; eine gesetzlich verordnete Bevorratung des Senats von Berlin für den Fall einer zweiten Blockade West-Berlins

Oder anders. Der 1973 in Berlin geborene Thilo Bock studierte neuere deutsche Philologie, alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaften an der Technischen Universität Berlin. Bock promovierte über den Dadaisten Hugo Ball. Trotz seiner wissenschaftlichen Karriere gilt Bock als hoffnungsvoller nicht-mehr-ganz-so-jung Autor. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass er den Todestag von Günther Grass als Stipendiar in dessen Haus in Wewelsfleth verbrachte. Bock unterrichtet in der Schreibwerkstatt Berlin und war Redakteur der Literaturzeitschrift Salbader.

Oder anders. Nach dem Ende des Krieges regnete es regelmässig Rosinen, Schokolade und Kaugummi auf ein ehemaliges KZ-Gelände mitten in Berlin. Über der ehemals düsteren Stadt war aber nicht etwa der Himmel aufgegangen, sondern sogenannte Rosinenbomber versorgten Westberlin über das Tempelhofer Feld. Auf diesem war Anfang der Zwanziger Jahre ein Flughafen erbaut worden, der vor allem unter den Nationalsozialisten Berühmtheit erlangt hat: Das von den Nazis errichtete Flughafengebäude war bis zur Einweihung des Pentagons zwei Jahre lang das grösste Gebäude der Welt. 

Ro|si̲|nen|bọm|ber, der; -s, -;  (amerikanisches oder britisches) Flugzeug, das während der Berliner Blockade 1948/49 Versorgungsgüter nach Berlin transportierte

Oder anders. Das Tempelhofer Feld ist der weltläufigste städtische Freiluftpark Berlins. Wo ehedem der Nationalsozialismus der Unmenschlichkeit frönte, liebt, lebt und leibt heute die Berliner Hipster-Welt. Da trifft Bocks etwas unbeholfener Bibliothekar Sven auf einen Tempelhofer Sommer voll von sexy Skaterinnen, sensiblen Tomaten-Veganerinnen und stinknormalen Hundefreunden, bietet sich ihm ein Panoptikum voller Leidenschaft und Lebensfreude, ein Spiegel des Erwachsenwerdens. Das Tempelhofer Feld ist Spielplatz von Bocks drittem Roman, einer Art Hommage an seine Berliner Heimat, eine Liebesgeschichte, ein „Sommernachtstraum in XXL“. 

Hịp|ster der; -s, -; (Jargon) jemand, der über alles, was modern ist, Bescheid weiß, in alles Moderne eingeweiht ist

Oder anders. Das Buch Tempelhofer Feld hat Thilo Bock in Rekordzeit geschrieben. Ein Jahr mag für einen Nichtautoren zwar nach viel Zeit tönen, doch betrachtet man die Sprachgewalt Bocks, die filigrane Gliederung seiner Sprache, die Überlegtheit seiner Formulierungen, die Musikalität mancher Passagen, dann sollte auch dem Laien bewusst werden, wie viel Arbeit in diesem Buch steckt. Gleichwohl scheint Bock noch unter Zeitdruck geraten zu sein - denn sein Buch erschien wohl nicht zufälligerweise nur wenige Wochen vor der Abstimmung über die Umnutzung der Randgebiete des Tempelhofer Feldes. Ein marketingmässiger Coup, der sich offenbar kaum in den Verkaufszahlen des Titels widergespiegelt hat. 

Oder anders. Thilo Bocks dritter Roman ist nicht wirklich pomo, sondern surft auf einer sehr hippen Welle. Er hat weniger eine Handlung, als dass er das Lebensgefühl der Studenten-Jugend im beginnenden 21. Jahrhundert widerspiegelt. Er ist gefüllt mit mehr oder weniger sinnvollen, mehr oder weniger gehaltvollen, mehr oder weniger stilvollen Gesprächen unter jungen und auch nicht mehr ganz so jungen, vielleicht ein wenig gelangweilten Menschen. Da macht man sich schon mal lustig über den Uhrzeitensammler, den angeblichen oder auch wirklichen Sohn von JFK oder über den Gesprächsthemenverteiler, unterhält sich über urban gardening, Rhabarberschorle und fettarmes Essen, über den google point und Pornos, ob man das Flughafengebäude einstricken soll oder referiert über die Vergangenheit der Tempelhofer Freiheit.

Oder anders. Thilo Bock hat wenig Bock auf Gurken, Tomaten und Vitamine. Vielleicht ist dies der Grund für seinen doch eher, sagen wir mal hellen Teint. Seine unverwechselbare, etwas näselnde Stimme mit der er früher vom Notenständer abgelesen hat und heute vom E-Reader abliest, ist ihm aber wohl in die Wiege gelegt worden. Thilo Bock ist ein Freigeist, der regelmässig als Stargast in verschiedenen Veranstaltungen auftritt und leidenschaftlicher Blogger. Thilo Bock verfasste aber auch Nachrufe im Tagesspiegel. Von irgendetwas muss man ja auch leben. 

Oder anders. Bocks Roman ist letztlich einfach ein herrliches Geplänkel, das sich in 16 Tagen eines Sommers auf dem Tempelhofer Feld mitten in Berlin abspielt. Wie schon in seinem Erstling besticht der Autor durch gekonnte Beobachtungsgabe und stilsichere Erzählweise. Sein trockener Humor, seine Ironisierungen, seine mehr und oft weniger tiefgründigen Philosophierereien ergeben ein überzeugendes Stimmungsbild der jeweils aktuellen Generation. Hatte sich Bock in Senatsreserve an einen eher klassischen, aber völlig irrwitzigen und abgedrehten, phantasievollen Roman gewagt, landet er mit dem Tempelhofer Feld wieder da, wo er und viele seiner Lesebühnen-Kollegen zuhause zu sein scheinen: in der Beschreibung des Berliner Alltags, in der sprachlichen Fotografie. Wer Ernsthaftigkeit und Tiefsinn erwartet, wird enttäuscht werden, doch vielleicht liegt gerade hierin die wirkliche Tiefgründigkeit des Autors und insbesondere seines neusten Romans.

Ganz genau so. 

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