Rupert Sheldrake wirft in seinem Buch der Wissenschaft vor, ein Wahn zu sein, also eine Denkstörung, die sich dadurch auszeichnet, dass die eigene Überzeugung, also hier die Überzeugung der Wissenschaft unvereinbar ist mit der objektiv nachprüfbaren Realität, diese Unvereinbarkeit aber nicht eingesehen wird (Wikipedia). Den Nachweis für diese sehr starke Behauptung versucht der Autor vor allem mit Fragen zu erbringen, die die Wissenschaft nicht beantworten könne, sondern deren Antwort sie einfach als Dogma setze.

Die zehn Grundglaubenssätze der Wissenschaft, die er in Frage stellen will sind die Folgenden:

  1. Alles ist mechanischer Natur.
  2. Materie besitzt kein Bewusstsein. Auch menschliches Bewusstsein ist pure Täuschung.
  3. Die Gesamtheit von Materie und Energie ist immer gleich (Energieerhaltungssatz).
  4. Die Naturgesetze stehen ein für alle Mal fest.
  5. Die Natur kennt keine Absichten, Evolution ist ohne Richtung oder Ziel.
  6. Biologische Vererbung ist ausschließlich materieller Natur
  7. Der Geist, unser Denken und Fühlen, sitzt im Kopf und ist nichts als Gehirnaktivität. Wenn wir einen Baum betrachten, ist das Bild, das wir sehen, nicht da draußen, wo es zu sein scheint, sondern innen, im Gehirn.
  8. Erinnerungen sind als materielle Spuren im Gehirn gespeichert und werden beim Tod gelöscht.
  9. Unerklärliche Phänomene wie Telepathie sind reine Einbildung.
  10. Mechanistische Medizin ist die einzig wirksame Medizin

Die Auflistung dieser Punkte ist aufschlussreich. So behauptet er, (1,2) dass Wissenschaft Leben und Bewusstsein negiere, da alles Mechanik sei. Diese Position existiert zwar im wissenschaftlichen Diskurs, ist aber keinesfalls gleichzusetzen mit "der Wissenschaft". Selbstverständlich sagt die Wissenschaft nicht, dass Bewusstsein eine pure Täuschung ist, vielmehr ist das Rätsel des Bewusstseins noch nicht gelöst, es scheint aber offensichtlich, dass es sich "natürlich" erklären lassen muss, was er wohl als "mechanistisch" bezeichnet. Die Alternative des Dualismus wird von der Wissenschaft jedenfalls mit guten Gründen veworfen, was sich Sheldrake durchaus bewusst ist. So schreibt er am Anfang von Kapitel 4: "Die wichtigste Gegentheorie, der Dualismus, sieht Bewusstsein zwar als Realität an, bietet aber keine überzeugende Erklärung für die Wechselwirkungen zwischen dem Bewusstsein und dem Körper, insbesondere dem Gehirn. Der Dualismus-Materialismus-Streit hält seit Jahrhunderten an, weshalb ich in diesem Kapitel Anregungen zur Überwindung dieses unfruchtbar gewordenen Gegensatzes geben möchte." Diese Überwindung ist allerdings nur möglich, wenn er Grundsätze der Wissenschaft ausser Kraft setzt, wie etwa den Energierhaltungssatz (3,4). Natürlich ist es sein gutes Recht, den Energieerhaltungssatz und die Unveränderlichkeit der Naturgesetze in Frage zu stellen und Rupert Sheldrake hat auch zwei, drei Beispiele, warum es sich dabei tatsächlich nur um Dogmen handeln könnte. Solange er aber nicht den Nachweis erbringt, dass beispielsweise ein perpetuum mobile möglich ist (wovon er überzeugt ist, bloss sei der finanzielle Anreiz ein solches zu bauen zu klein!), handelt es sich dabei um reine Spekulationen. Dass die Evolution ohne Ziel ist (5), lässt sich leicht daran sehen, dass weit über 90 Prozent der Arten längst wieder ausgestorben sind und der Mensch auf keinen Fall ein "intelligentes Design" ist, sondern ein regelrechter Krüppel, da sein Körper nicht für den aufrechten Gang, geschweige denn für das Büroleben "gemacht" ist. Dass biologische Vererbung ausschliesslich materieller Natur ist (6), scheint ein Pleonasmus zu sein und nichts auszusagen, da sich Biologie grundsätzlich mit Materie auseinandersetzt. Wissenschaft schliesst aber keineswegs aus, dass es auch kulturelle Vererbung geben kann, die nicht materieller Natur sein könnte. Insofern ist dieser Vorwurf schlicht falsch. Dass der betrachtete Baum nicht da draußen, sondern als Vorstellung vom Hirn abhängt (7) muss wohl nicht näher erläutert werden, dass das Denken und Fühlen im Kopf sitzt kann jeder beobachten, der denkt und fühlt. Ob es sich dabei um nichts als Gehirnaktivität handelt ist eine offene Frage, da diese Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind. Dass der Geist aber vom Hirn abhängt und Erinnerungen im Hirn gespeichert sind (8) lässt sich neurologisch leicht zeigen, indem gewisse Hirnareale ausgeschaltet werden. Dass diese Erinnerungen auch nach dem Tod noch existieren sollen ist reine Spekulation - bislang gibt es keine empirischen Belege, die für eine Existenz nach dem Tod sprechen und die Existenz einer Seele scheint sich logisch ausschliessen zu lassen. Anekdoten haben in diesem Zusammenhang keine grundsätzliche Aussagekraft - wie sie es auch nicht für "unerklärliche Phänomen" (9) haben. Sollte es solche wirklich geben - wie beispielsweise auch ein perpetuum mobile - so liesse sich damit nicht nur die Million von James Randi verdienen, sondern noch viel mehr. Die Wissenschaft ist auch offen für deren Nachweis - doch scheint er einfach nicht zu gelingen, wie sich auch die Erfolge der Pseudomedizin (10) bis heute nicht nachweisen lassen. Es scheint sich bei diesen Punkten also nicht um "Glaubenssätze" zu handeln.

Sheldrakes Grundkatalog mag zumindest nicht wirklich zu überzeugen - wobei natürlich eine ausführliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Punkten notwendig wäre, um das Thema adäquat zu behandeln. Es fällt aber auch auf, dass es sich nicht um einen systematischen Katalog handelt, sondern um ein regelrechtes Sammelsurium von Behauptungen, von denen manchen wirklich unbestritten sind, andere nicht wirklich wissenschaftliche Grundglaubenssätze darstellen und manche heute noch heftig diskutiert werden. Wie also ist Sheldrake auf diesen Katalog gekommen?

Bei den 10 Grundglaubenssätze der Wissenschaft geht es ihm offenbar gar nicht um die Wissenschaft, sondern um Glaubenssätze, die Sheldrakes eigener Theorie im Weg stehen. Das alleinige Infragestellen dieser angeblichen oder auch tatsächlichen Dogmen bringt ihn dazu, ihre Ungültigkeit anzunehmen (!). Sollte es nur schon möglich sein, dass der Energieerhaltungssatz nicht stimmen könnte, genügt das für ihn, um annehmen zu dürfen, dass er eben nicht stimmt. Denn nur so lässt sich die mysteriöse "Lebenskraft" erklären, die den Energieerhaltungssatz durchbrechen können soll. Dass mit der Aufgabe des Energieerhaltungssatzes aber die ganze moderne Naturwissenschaft in Frage gestellt wird und damit eben auch deren unleugbare Erfolge, die auch Sheldrake nicht in Frage stellt, kümmert ihn nicht. Nur schon die Möglichkeit, dass gewisse Grundpfeiler der Wissenschaft falsch sein könnten, genügt ihm um zu zeigen, dass die von ihm entwickelten Alternativen und Spekulationen stimmen könnten - und es sich dabei natürlich nicht um Glaubenssätze, sondern um höhere Wahrheiten handelt. 

Und diese haben es in sich. So plädiert er für bislang nicht nachgewiesene und angeblich von ihm entdeckte "morphogenetische Felder" mit denen sich die Entwicklung von Lebewesen gestalte und die "Attraktoren" und "Chreoden" enthielten; er ist der Ansicht, dass die Zukunft kausal auf die Gegenwart einwirken könne; er wehrt sich vehement dagegen, dass die Natur keine Zwecke kenne und bekennt sich zum Panpsychismus (als Alternative zu Materialismus und Dualismus), ohne sich dabei aber allzu weit auf die Äste hinauszulassen, da er sich der Absturzgefahr bewusst zu sein scheint.

Alles in allem lässt sich festhalten, dass Sheldrake manche berechtigte Frage stellt, ohne damit aber auch nur annähernd zu zeigen, dass die Wissenschaft ein "Wahn" sei. Dies gelingt ihm insbesondere deshalb nicht, da seine Alternative, um die es ihm vor allem zu gehen scheint, rein spekulativ ist und die Falschheit letztendlich der ganzen Wissenschaft voraussetzt. Da Wissenschaft letztendlich immer eine Theorie und ergebnisoffen ist, lässt sie sich grundsätzlich immer in Frage stellen. Das ist gerade die Stärke der Wissenschaft. Sie zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie nur dann als Wissenschaft gelten darf, wenn sie mit der objektiv nachprüfbaren Realität übereinstimmt. Dass gemäss dieser Definition nicht alle Behauptungen der Wissenschaft (wie beispielsweise der Reduktionismus) wissenschaftlich sind, sei dahingestellt. Wissenschaft kann aber in diesem Sinne logischerweise kein Wahn sein. Ob sich allerdings die Theorien von Rupert Sheldrake mit der objektiv nachprüfbaren Realität in Übereinstimmung bringen lassen, muss bezweifelt werden. Die Einsicht darin scheint er aber nicht zu haben, weshalb es sich bei den Thesen dieses Buch möglicherweise um Wahn handelt.

Rupert Sheldrake. Der Wissenschaftswahn: Warum der Materialismus ausgedient hat. Knaur ebook 2012.

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