Unter Placebos versteht man in der Regel Präparate, die äusserlich von einem Arzneimittel nicht zu unterscheiden sind, aber keinen Wirkstoff enthalten. Diese "Scheinmedikamente" zeigen oftmals erstaunliche Wirkungen, was man als Placeboeffekt bezeichnet. Der Placeboeffekt kann sogar bei Operationen vorkommen.

Der Placeboeffekt ist im Detail noch nicht wirklich verstanden, basiert aber wesentlich auf dem Glauben. Er kommt beispielsweise zustande, wenn man den Patienten glauben macht, dass er ein potentes Arzneimittel erhalte. Unabhängig davon, ob es sich dabei um ein "echtes" Arzneimittel handelt oder um ein Placebo, kann oftmals ein Heilprozess gestartet weden, der eindeutig stärker ist, als wenn der Patient nicht behandelt worden wäre.

Der Placeboeffekt wird oftmals unterschätzt. Die durch eine Erwartungshaltung entwickelten Selbstheilungskräfte können extreme Wirkungen haben. So macht es einen Unterschied für die Wirksamkeit einer Therpaie, ob jemand durch einen Arzt im weissen Kittel behandelt wird, eine Spritze oder eine Pille erhält, ob eine Pille bitter schmeckt oder eine bestimmte Farbe hat, wie viele Pillen in welcher Grösse eingenommen werden müssen, ob ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient besteht etc. Bei Depressionen, schreibt Magnus Heier, basieren rund 25 Prozent der erfolgreichen Behandlungen auf der Einnahme eines wirksamen Medikaments, bei weiteren 25 Prozent kommt es auch ohne Behandlung zu einer markanten Verbesserung und bei rund 50 Prozent der erfolgreich Behandelten ist der Placeboeffekt verantwortlich.

Egal, ob die Zahlen exakt stimmen, ist es wichtig festzuhalten, dass die Selbstheilungskräfte  und der Placeboeffekt für viele Heilerfolge verantwortlich sind. Während bei der konventionellen, wissenschaftsbasierten Medizin noch medikamentöse, chemische Wirkprinzipien hinzukommen und diese deshalb oftmals besonders wirkungsvoll sind (aber auch unerwünschte Nebenwirkungen haben), lässt sich der Erfolg der Alternativmedizin auf wenige Aspekte, insbesondere auf den Placeboeffekt zurückführen (»Alternativmedizin: Wie sie wirkt).

Noceboeffekt

  • Die Wirksamkeit des Placeboeffekts lässt sich besonders eindrücklich an seinem Gegenspieler, dem Noceboeffekt nachvollziehen. Magnus Heier beschreibt verschiedene Beispiele, von denen einige hier zusammengefasst werden:
    • Ein junger Mann nahm an einer medizinischen Studie teil, während deren Verlauf er Suizid begehen wollte. Er schluckte 29 Kapseln eines zuhause vorrätigen Antidepressivums und zeigte kurz darauf schwerwiegende Vergiftungssymptome, mit denen er ins Spital eingeliefert wurde. Es gelang vorerst nicht, seinen Zustand zu verbessern oder auch nur zu stabilisieren, bis jemand in Erfahrung bringen konnte, dass die 29 Kapseln Teil der Studie waren - und er Placebos erhalten und eingenommen hatte. Als ihm dies mitgeteilt wurde, verbesserte sich sein Zustand umgehend und er wurde wieder gesund (Basierend auf Seite 19).
    • In einem weiteren Versuch rieben sich Probanden einen Arm mit Pflanzen ein, auf welche sie allergisch waren. Zur Kontrolle wurde der andere Arm mit einer Pflanze eingerieben, gegen die sie nicht allergisch waren. Wie erwartet zeigten sie am einen Arm Symptome, am anderen nicht. Was die Testpersonen jedoch nicht wussten: die Pflanzen waren vertauscht worden. Die Probanden hatten also allein aufgrund des Glaubens Reaktionen gezeigt, die der zu erwartenden Reaktion entgegengesetzt waren (Basierend auf Seite 20).
    • Allgemein lässt sich sagen, dass ein detaillierter Beipackzettel dazu führen kann, dass gewisse unerwünschte Nebenwirkungen häufiger erlebt werden.
  • Den Placeboeffekt erläutern zudem diese Beispiele (aus »Goldacre S. 97-125):
    • In der Regel wirken Markenmedikamente besser, auch wenn sie die identischen Wirkstoffe enthalten
    • Teure Medikamente sind erfolgreicher als billige
    • Wird eine Ultraschallbehandlung nur schon vorgetäuscht, lassen Zahnschmerzen nach
    • Scheinoperationen können Knieschmerzen stillen
    • Menschen mit Herzschrittmachern, die nicht eingeschaltet wurden, geht es oftmals bereits besser

Warum der Placeboeffekt in der Alternativmedizin äusserst erfolgreich ist

  • Der Placeboeffekt basiert zumindest zu einem wesentlichen Teil auf dem subjektiven Glauben oder der subjektiven Überzeugung des Patienten. Diese Überzeugung wirkt nicht nur auf die Psyche oder die Wahrnehmung beispielsweise von Schmerzen, sondern kann auch physische Leiden lindern. Damit der Placeboeffekt eintreten kann, muss der Patient also überzeugt werden, dass ihm die vorliegende Heilmethode helfen wird.
  • Hier setzen alternativmedizinische Verfahren an. Obwohl ihre Erklärungsansätze oftmals eher abenteuerlich sind (vgl. »Homöopathie), gelingt es ihnen oftmals, Vertrauen zu schaffen. Dies hat mit verschiedenen psychologischen Effekten zu tun.
    • Der Alternativmediziner nimmt sich meist mehr Zeit für den Patienten.
    • Alternativmediziner glauben oftmals an ihre Therapie oder bringen diesen Glauben besser rüber als kritische Mediziner, die wissen, dass die Behandlung nur in z.B. 70 Prozent der Fälle wirkt.
    • Alternativmediziner machen rhetorisch geschickt verpackte Diagnosen und Versprechen.
    • Die Praxis ist meist weniger steril als bei einem konventionellen Arzt.
    • Das Verfahren macht weniger Angst (nützt es nichts, so schadet es wenigstens nichts...).
    • Da die Erwartungshaltung ursprünglich meist eher klein ist, weil das Verfahren auf "normale" Art und Weise gar nicht wirken kann, werden Erfolgsberichte übermässig betont und Misserfolge unter den Tisch gewischt. Dies stärkt dann aber die Erwartungshaltung, was für den Placeboeffekt förderlich ist.
    • Je älter ein System ist, desto vertrauenswürdiger wird es für gewisse Menschen.
    • Je ausgeklügelter und komplexer ein System, desto vertrauenswürdiger wird es, auch wenn gewisse Grundannahmen nicht funktionieren. Besonders eindrücklich zeigt dies die Homöopathie (»Homöopathie), deren Grundannahmen zwar gelinde gesagt sehr merkmürdig sind (»Bewertung der Grundprinzipien der Homöopathie), deren Überbau aber einigermassen konsistent ist.
    • Beruft sich ein System auf "höhere Kräfte", auf "feinstoffliche Schwingungen" etc., die heute noch nicht erforscht werden könnten, erhöht das bei gewissen Leuten die Glaubwürdigkeit. Diese Verfahren werden dann als "überwissenschaftlich" empfunden, was insbesondere bedeutet, dass sie die negativen Auswirkungen der konventionellen Medizin überwunden hätten.

Warum der Placeboeffekt in der konventionellen Medizin "nur" erfolgreich ist

  • Auch in der konventionellen Medizin spielt der Placeboeffekt eine sehr wesentliche Rolle. Er scheint aber weniger wichtig zu sein als bei alternativmedizinischen Verfahren aus den im letzten Abschnitt behandelten Gründen. Weitere Gründe finden Sie im Abschnitt "Selektive Wahrnehmung" unter »Alternativmedizin: Erklärungen für Erfolge.
  • Ein wesentlicher Punkt ist sicherlich auch, dass die konventionelle Medizin nicht nur wirkt, sondern meist auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann. Wer den Beipackzettel eines Medikaments liest wird ein solches Medikament oftmals nur nehmen, wenn das Leiden gross oder die Krankheit gefährlich ist. Die Angst vor Nebenwirkungen treibt viele Menschen in die Arme der Alternativmedizin. Dabei werden die Gefahren von Nebenwirkungen oftmals falsch eingeschätzt, da sie meist nur selten eintreten - und auch auf den Noceboeffekt zurückgehen können.

Bücher zum Thema

Heier, Magnus. Nocebo: Wer's glaubt wird krank: Wie man trotz Gentests, Beipackzetteln und Röntgenbildern gesund bleibt. Stuttgart 2011.

Goldacre, Ben. Die Wissenschaftslüge: Die pseudo-wissenschaftlichen Versprechungen von Medizin, Homöopathie, Pharma- und Kosmetikindustrie. FaM 2010.

 

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